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Ben G. Fodor: CARMINE

Damit ein Objekt von der Erdoberfläche ins Weltall fliegen kann, muss es bis zur sogenannten zweiten kosmischen Geschwindigkeit beschleunigt werden, die etwa 40.000 Kilometer pro Stunde beträgt. Um diese Fluchtgeschwindigkeit zu erreichen, ist ein gewaltiger Kraftstoß nötig. Bei etwas kleineren Geschwindigkeiten gelangt das Objekt unter gewissen Bedingungen auf eine Erdumlaufbahn, ansonsten fällt es wieder auf die Erde zurück.

Metaphorisch gesehen vollzog Ben Gyula Fodor 1981 einen vergleichbar heftigen Akt, als er aus seinem Heimatland Ungarn, das damals von einem kommunistisch-totalitären Regime regiert wurde, nach Österreich flüchtete. Im Bewusstsein, unter damaligen Verhältnissen niemals zurückkehren zu können, ließ der Flüchtling alles zurück: Familie, Freunde, Hab und Gut.

Seitdem hat Ben G. Fodor wie die meisten Migranten das Gefühl, in einem bestimmten Sinn überall ein Fremder zu sein und „über allen Orten im geistigen Orbit“ zu schweben. Er verortet sich in der sogenannten „noosphere“ (Sphäre des menschlichen Denkens), von wo er aus er mit einer gewissen Distanz, aber nicht ohne Anteilnahme, das irdische Geschehen beobachtet. „Noosphere“ aus den Jahren 2005 bis 2007 ist auch der Titel eines seiner Werkzyklen.

Bereits im Vorgängerzyklus „Horizon“ und jetzt umso mehr mit der Werkgruppe „Carmine“ unternimmt Ben Fodor auf geistiger Ebene einen weiteren radikalen Schritt und begibt sich nun von seinem „Orbit“ aus auf die Suche nach neuen Welten bzw. Horizonten. Er begnügt sich auch nicht mehr mit der irdischen Fluchtgeschwindigkeit, sondern wendet sich der physikalisch betrachtet schnellsten Bewegungsmöglichkeit zu: der Lichtgeschwindigkeit, die etwa 300.000 Kilometer pro Sekunde beträgt. Für seine künstlerische Arbeit experimentiert er nun mit Licht, d.h. mit masselosen elektromagnetischen Wellen, die nicht der Trägheit der Materie unterliegen. Fodor wählt eine ganz besondere und reine Erscheinungsform dieser immateriellen Energie aus, und zwar die des Laserlichts. Dieses spezielle Licht ist durch hohe Intensität, oft sehr engen Frequenzbereich (monochromatisches Licht), scharfe Bündelung des Strahls und große Kohärenzlänge charakterisiert. Sie findet Anwendungen in sehr vielen Lebens- und Arbeitsbereichen, Forschungs- und Industriezweigen und in der Medizin.

Der Laser spielt insbesondere bei der Grundlagenforschung der Physik eine wesentliche Rolle, und kann zum Beispiel beim Doppelspaltexperiment eingesetzt werden – zum Aufzeigen des Welle-Teilchen-Dualismus des Lichts, der auf konzeptueller Ebene als Verwirklichung eines Widerspruchs interpretiert werden kann. Dank des Lasers können zum Beispiel verschränkte Photonen erzeugt werden, die für exotisch klingende Phänomene wie etwa Quantenteleportation sowie Quantenkryptographie verwendet werden. Sie dienen nicht zuletzt zur Verletzung der Bellschen Ungleichung und somit zum Nachweis der Nichtlokalität der Quantenmechanik. Verschränkte Teilchen haben nämlich eine ganz besondere Eigenschaft: Sie werden von uns Menschen als Einzelteilchen wahr genommen und können sich damit an verschiedenen Orten befinden, sie müssen aber auf der quantenmechanischen Ebene als ein einziges Objekt beschrieben werden, das sich in einem abstrakten mathematischen Raum nicht-lokal bewegt. Je vollkommener die Verschränkung ist, desto unvorhersagbarer, "freier" wird das "Verhalten" der einzelnen Teilchen, während das Verhalten untereinander umso stärker korreliert.

Ganz bewusst entscheidet sich Fodor für rotes Licht – in diesem spezifischen Fall in einer Wellenlänge von 635 bis 650 Nanometer. Rot ist par excellence die Farbe des Blutes, des Trägers unserer Lebenskraft, und die des Feuers bzw. der Glut. Zudem wird Rot oft als Symbol sowohl für Liebe und Leidenschaft als auch für Aggression und Zorn verwendet. So wurde zum Beispiel in der Antike der rote Planet Mars mit dem Kriegsgott assoziiert. Im Mittelalter waren die sogenannten Schönfärber darauf spezialisiert, die roten Töne der Färbung wertvoller Stoffe auszuführen, sodass Rot direkt in Verbindung mit Schönheit und Attraktivität gebracht wurde.

Die Farbe Rot spielt auch in zahlreichen Religionen und politischen Bewegungen eine Rolle, deren Bedeutung sich allerdings im Laufe der Zeit gewandelt hat. Bemerkenswert ist, dass im Unterschied zu vielen Säugetieren das menschliche Auge sehr empfindlich auf die Farbe rot reagiert; aus diesem Grund wird sie bei Warnsignalen verwendet. Angeblich erhielt diese Farbe in der Entwicklung der meisten Sprachen sehr früh ein eigenes Wort.

Für Ben G. Fodor hat diese besondere Farbe gleichzeitig mit Schmerz – dem Schmerz und der Trauer, sich von seinen eigenen Wurzeln zu trennen – und mit Freude zu tun: Mit der Euphorie, völlig frei zu sein. Diese coincidentia oppositorum erinnert an die Abendröte, die mit einer gewissen Melancholie verbunden ist, aber farblich mit der Morgenröte zusammenfällt, die heiter den Beginn des Tages ankündigt.

Die Chiaroscuro-Effekte und der Abstraktionsgrad – die bereits in einigen der Arbeiten von „noosphere“ sehr markant waren – erlangen bei „Carmine“ eine noch dramatischere bzw. höhere Ebene. Für Fodor bedeutet die Farbe, genaugenommen Nicht-Farbe Schwarz das Unbekannte, das Fremde, in welchem nicht zuletzt der kühle Tod auf uns lauert. Aus dieser tiefen Dunkelheit tauchen rote Gebilde erhaben und kontrastreich hervor. Sie bestehen aus abstrakten, geometrisierenden Liniengerüsten. Wobei jede Linie einen eigenen Schweif hat, der wie ein durchsichtiges, geisterhaftes Tuch an ihr hängt. Das ist wie ein Echo der Linien selbst, das den leeren Raum füllt und die Grenze zwischen dem Mysteriösen und Erkennbaren unscharf werden lässt. Bei einem Bild spukt sozusagen das Gesicht des Künstlers selbst umher. In einer anderen Arbeit erahnt man womöglich einen seidenen Kimono, der in einem sanften Wind flattert.

Das fundamentale Gefühl des Archaischen, des Sakralen und Mystischen, das in „noosphere“ zu spüren war, kristallisiert sich in Carmine zu einer Art sichtbarem Klang. Und tatsächlich nennt Fodor Parallelen zum Beispiel zu Bartóks „Faból faragott királyfi“ (Der holzgeschnitzte Prinz) oder „A kékszakállú herceg vára“ (Herzog Blaubarts Burg).

Der übliche Humor des ungarisch-österreichischen Künstlers scheint auf den ersten Blick in der Carmine-Serie im Hintergrund zu bleiben. Man findet ihn vielleicht auf subtile Art und Weise in den speziell angefertigten schwarzen Rahmen, die im Gegensatz zu den perfekt anmutenden Bildern hellere, unvollkommene Stellen aufweisen. Es handelt sich um bewusste „Fehler“, die der Künstler von der asiatischen Kunst her kennt und schätzt. Oder auch in jener Arbeit, die er in schwarzweiß umgewandelt hat, so als ob er dabei die Farbe Rot versehentlich vergessen hätte – eine großformatige Fotoarbeit, die ohne Rahmen etwas salopp an der Wand hängt.

Im Allgemeinen kreist Fodors Arbeit der vergangenen Jahre unter anderem um die künstlerische Untersuchung von Utopien und Dystopien, und um die gesellschaftliche Frage nach neuen „utopischen“ Horizonten, einer Neuerfindung utopischen Denkens. Fodor zeigt sich „überzeugt, dass wir nicht mehr zeitgemäß sehen. Dass unsere Krise auch eine Krise des Sehens ist.“ In einer Art Zukunfts-Archäologie versucht der Künstler, visuelle Räume zur Überwindung dieser Krise zu öffnen; es sind Räume jenseits des konventionellen, zentralperspektivisch geprägten Blicks.

Die erste Ausstellung des Projekts „Carmine“ startete als Licht- und Fotoinstallation von Oktober 2016 bis Februar 2017 im Ludwig Museum Budapest. Diese wird nun erstmals in Österreich im Rahmen der Vienna Art Week bei ARCC.art gezeigt. In der Dunkelheit des Ausstellungsraums werden zum einen Linien und Punkte roten Laserlichts an die Wände projiziert. Einige der Punkte geraten in Bewegung, dank einem abgehängten Stahlblech, das durch die von den Besuchern erzeugten Luftbewegung in Drehung versetzt wird. Für die Projektion selbst entwickelte der Künstler einen Kubus aus schwarzem Plexiglas mit Einschnitten und einer speziellen Glasoptik; der Kubus stellt für sich selbst eine Skulptur dar.

Zur Lichtinstallation hat der Elektronikmusiker „Sillyconductor“ (Bukarest, derzeit artist in residence im Museumsquartier) eine Soundinstallation kreiert. Ein „Klang-Magma“, das sich langsam dehnt und zusammenzieht. Als Material dafür dienten Töne von Glas- und Metallobjekten. Denn dies sind Materialien, die mit Licht auf besonderer Art und Weise interagieren, nämlich Licht brechen und reflektieren. Die Techniken der Brechung und Spiegelung benutzte Sillyconductor zur Manipulation des Klangmaterials. Die Klänge erscheinen absichtlich ohne Ursprung, sodass sie den Eindruck erwecken, über unendliche Distanzen herkommend sich im physischen und mentalen Raum auszubreiten und zu zerstreuen.

Zum anderen „zeichnet“ und „malt“ Fodor im Atelier mit bewegtem Laserlicht. Mittels fotografischer Langzeitbelichtung nimmt er teils analoge, teils digitale Bilder mit Klein- und Großbildkameras auf. Wie Fodor jeweils den Laser bewegt und eine fotografische Belichtungspur erzeugt, das wird nie zweimal ganz gleich ausfallen, hat somit Unikats-Charakter. Das Ergebnis sind unwiederholbare Raum-Architekturen des Immateriellen aus Linien und Flächen. Als „Malgrund“ kommen auch grundierte Leinwände zum Einsatz – drei verschieden große übereinander auf einer Staffelei. So ergibt sich in Carmine auch eine Reflexion über den Bildraum und sein Außen, und die für den Künstler äußerst wichtige Entgrenzung des Bildraums.

Ein Teil der „Lichtzeichnungen“ bzw. „Lichtmalereien“ wird im Rahmen der oben genannten Laserinstallation am Boden projiziert: im Museum Ludwig Budapest mittels eines Beamers, bei ARCC.art mittels eines flach liegenden Videoscreens. Eine Reihe von Arbeiten wird im Chromaluxe-Verfahren zu Wandbildern. Einige ausgewählte Bilder jedoch werden direkt auf 8mm starke Glascheiben gedruckt, die in schmalen schwarzen Stahlrahmen als Objekte im Raum schweben. Bei entsprechender Aufstellung bzw. Abhängung sind sowohl die wie ein Wasserspiegel glänzenden Vorderseiten als auch die matten Rückseiten sichtbar. Durch die Veränderungen des Lichts bleiben die Arbeiten visuell dauerhaft „in Bewegung“.

Es wäre möglich, mit dem Laser eine konventionelle 3-D-Wirkung zu erzeugen, d.h. Hologramme. Genau das versucht Fodor zu vermeiden. Die Bilder wirken weder flach noch perspektivisch gestaffelt (oder beides). Die Dimension des Raums, in dem das Bild steht, ist nicht erahnbar und damit potentiell unendlich. Die Transparenz und Körperlosigkeit des Lichts ermöglicht eine Räumlichkeit unbekannter Natur.

Marcello Farabegoli,
Kurator der Ausstellung